Die Zukunft der Schulbücher

Gestern war ich gemeinsam mit Kollegen Wolfgang Rauter (zum ersten Mal!) im FutureLearningLab and der PH Wien, zum Hexagonal-Talk “Die Zukunft des Schulbuches als Leitmedium der Schule”. Eingeladen wurden dabei zur Podiumsdiskussion:

  • Markus Spielmann, Sprecher der ö. Bildungsverlage und Schulbuchverleger
  • Michael Repnik, Learn Champ
  • Jörg Hofstätter, Ovos Media
  • Helmut Stemmer

Super spannende Diskussion – auch unter Einbindung des Publikums. Eine tolle Einstimmung für mich für die Präsenztage mit den KollegInnen aus dem Verlagswesen im Rahmen des Lehrgangs “Digital Publishing in Education” (#SeLe Projekt). Ich habe das Modul “Bildungstechnologie und Didaktik” gestaltet und bin schon auf das erste Face-to-Face Treffen mit den Studierenden gespannt, bisher kenne ich sie nur online durch die Online-Vorphase 🙂 Aber nun zum Hexagonal-Talk im FutureLearningLab:

Der geheime Lehrplan

Helmut Stemmer betont dass die Schulbücher oft als “geheimer Lehrplan” gesehen werden, sie sind Richtlinie für die LehrerInnen im Unterricht. Es werden Unterrichtsszenarien in Schulbüchern vorgeschlagen – die Frage ist, was für Unterrichtsszenarien sind das und passen die zum Lernen und Lehren heutzutage? Und ist das Schulbuch in seiner Form überhaupt dafür das geeignete Werkzeug?

Das Schulbuch als Werkzeug

Das Schulbuch ist ein Werkzeug:

  • Für LehrerInnen, um Ihren Unterricht zu planen und durchzuführen.
  • Für SchülerInnen zum Lernen.

Am Ende entscheidet die Lehrperson, welches Schulbuch gewählt wird und dabei steht im oft im Vordergrund: Unterstützt es mich im Lehrprozess? Da geht es um das Lehren, indirekt um das Lernen. Damit müssen Schulbuchverlage eigentlich 2 Zielgruppen bedienen: Die der LehrerInnen und die der LernerInnen. Unterricht wird von LehrerInnen durchgeführt. Das Lernen wird von SchülerInnen durchgeführt.


Und es schwingt viel im Schulbuch mit. Welche Lehr- & Lerneinstellung zugrunde liegt etwa. Da passt folgende Folie von Takashi Iba gut dazu. Es wirkt als würden die Schulbücher in der “Consumptive Society” feststecken. Das war wohl auch die Zeit in der die Schulbuchaktion (die grundsätzlich sehr gut ist!) 1972 gestartet wurde.

Jetzt bewegen wir uns aber immer stärker hin zu einer “creative society”, einer Gesellschaft, die lebensbegleitend lernt. Da braucht es mehr als eine lineare Vorlage von Unterrichtsszenarien für Lehrpersonen. Ein paar Aspekte habe ich im Blogpost “classroom of the future” zusammenfasst. Eine Idee ist etwa eine Online-Ressourcen-Sammlung für LehrerInnen, was aber Implikationen hat, etwa dass es da hohe Informationskompetenz bei Lehrpersonen braucht.

Approbation & Schulbuchaktion

Approbation wurde in der Diskussion öfter genannt- das ist ein Verfahren, in dem sichergestellt wird, dass Schulbücher lehrplankonform sind und weder politisch unbeeinflusst,  sexistisch, rassistisch oder sonst tendenziös sind. Die Approbation hat mit der Schulbuchaktion zu tun. Schulen bekommen ein Budget für Schulbücher, das auf der Schulbuchaktion basiert. Du Schulbuchaktion will sicherstellen, dass alle SchülerInnen mit den nötigen Unterrichtsmittel ausgestattet werden). Nur nur approbierte Werke werden von der Schulbuchaktion eingeschlossen und kommen auf die Schulbuchliste (Liste von Schulbüchern, die Schulen kaufen können mit 85% ihres Budgets). Schulen können 15% ihres Schulbuchbudgets für andere Unterrichtsmittel ausgeben (zu wenig, wenn man digitale Aspekte in den Unterricht bringen will).

Was bedeutet das für Schulbuchverlage?

Wenn Schulbuchverlage digitale Ressourcen in die Schulen bringen möchten & es im Rahmen der 85% des Schulbuchbudgets möglich sein soll, so können Verlage die digitalen Ressourcen nur als Zusatz zu einer Printausgabe einbringen (die approbiert wird und damit der Eingang in die Schulbuchliste möglich ist). Auch die Kosten für die Erstellung der digitalen Ressourcen muss über den Preis der Printausgabe finanziert werden.

Teil der Approbation ist dann auch die digitalen Ressourcen zu checken. Das ist natürlich gut, aber macht die Einbindung von digitalen Ressourcen nicht ganz so einfach. Die Frage ist, ob man nicht auf andere Art und Weise (und regelmäßig) sich versichern sollte, dass Unterricht nicht sexistisch, rassistisch oder politisch beeinflusst und darüber hinaus auch lehrplankonform ist.

Approbation

Ich habe mich etwas schlauer gemacht zum Thema Approbation, nachdem sie im FutureLearningLab so stark diskutiert wurde:

  • Die Eignungserklärung von Unterrichtsmitteln ist in §15 des SchUG geregelt.
  • Die Behörde muss innerhalb von 6 Monaten das Ergebnis haben: Ist das Schulbuch geeignet oder nicht geeignet?
  • Der Bescheid kann bekämpft werden.
  • Es gibt die Möglichkeit die Empfehlungen im Gutachten einzubauen und das Werk erneut vorzulegen.
  • Die Wiedervorlage muss innerhalb von 2 Monaten begutachtet werden.
  • Es gibt keine Evaluierung der Schulbuchkommission bzw. der Arbeit einzelner GutachterInnen.

Woher ich das alles weiß? Matthias Strolz hat am 7.6.2017 eine schriftliche Anfrage betreffend Approbation von Schulbüchern gestellt, die von Frau Hammerschmid beantwortet wurde. Er hat einige spannende Fragen gestellt, die näher Aufschluss geben, die das Verfahren funktioniert. Grund für die Anfrage waren Fehler/tendenziöse Ansichten in Schulbüchern, die approbiert wurden.  Sowohl Anfrage als auch Antwort sind auf offenesparlament.at einsehbar.

Wie sieht nun die Zukunft aus?

Das ist eine super Idee – am besten auch noch mit Anteilen, die user-generated sind (also von SchülerInnen und/oder LehrerInnen gestaltet). Was man drucken mag, kann man drucken. Vielleicht wird das Schulbuch in Zukunft eher eine Sammlung sein: Von Ressourcen und Artefakten (digital erstellt und/oder digitalisiert)…ein ePortfolio? 😀 Schulfolio. Schoolfolio. Classfolio?

Es könnte ein Netz zwischen einem Klassen-Portfolio und individuellen Portfolios sein. Im Klassen-Portfolio werden von der Lehrperson zB Ressourcen zur Verfügung gestellt (Videos, Text, Aufgabenstellungen, Bilder, etc etc) und die individuellen Portfolios beinhalten wie mit den Ressourcen umgegangen und reflektiert wird, Artefakten die während der Lösung von Aufgabenstellungen entstehen, Dokumentationen von Projekten etc.

Aaaaber…..


Es braucht eine Infrastruktur. Und gut ausgebildete LehrerInnen. Und dann wäre noch die Frage der Schulbuchaktion:


Und da ist vielleicht eher die Frage, wie man die Schulbuch-Aktion nicht nur für heute, sondern auch für morgen, für das “Schulbuch der Zukunft” anpassen kann..

Mehr zur Diskussion im Hexagon-Talk im Wakelet

 

Was denkt, ihr – wie sieht die Zukunft der Schulbücher aus? Was muss sich ändern, was wird passieren?

 

Hier übrigens ein Hinweis darauf, was sich Schülerinnen wünschen von der Schule der Zukunft bzw. dem Schulbuch der Zukunft – Ergebnisse unseres SeLe Workshops beim Girls’ Day 2018 🙂

4 Responses

  1. Stemmer says:

    Hi, Danke für die exzellente Zusammenfassung und Anbindung an andere Zusammenhänge. Kann Vieles von dem zusätzlich Genannten unterstreichen.
    Erst ein klareres Bild vom Unterricht (21. Lust!) erlaubt Rückschlüsse auf die dafür notwendigen Materialien. Lehrende sollten daher in einem ersten Schritt befähigt werden, innovative Lehr- und Lernszenarien zu entwickeln, um ein Gefühl für die Potenziale zu bekommen – das allein ist schon eine Mega-Herausforderungen (natürlich auch für die Aus-und Weiterbildungsinstitutionen).
    Das Thema sollte wirklich breit und ohne Scheuklappen diskutiert werden, um dann – mit den notwendigen Ressourcen versehen – in den Schulalltag einfließen zu können.

    • isabell Grundschober says:

      Lieber Herr Stemmer – vielen Dank für das Feedback und ihren Input! Die Ausbildung von Lehrenden ist wirklich Dreh- und Angelpunkt, und Lehrende stehen vor großen Herausforderungen. Schulbücher versuchen vieles zu kompensieren bzw. Qualität sicherzustellen, auch wenn zB gerade eine Supplierstunde ist und die Lernenden fachfremd sind. Sie sollen damit sehr viele Funktionen erfüllen – aber ob sie kognitive Prozesse im Bereich “gestalten” fördern können, ist fraglich. Gerade auf diesen hohen kognitiven Prozessen sind es individuelle Projekte und Aufgabenstellungen, die stark mit der Lebenswelt und Präferenzen der SchülerInnen in den Klassen zu tun hat. Hier geht es um das didaktische Design und fächerübergreifenden Unterricht – ein Schulbuch kann zwar Impulse liefern, aber kann nicht die Arbeit und Mühen von Lehrpersonen abnehmen.

  2. Ulrich Zwingli says:

    Was wird unter tendenziösen Ansichten und politischer Einflussnahme genau verstanden? Ist es womöglich eben genau der durchaus geschickte Versuch von neoliberal gesinnten Marktfundamentalisten wie Herrn Strolz, jegliche in österreichischen Schulbüchern ohnehin nur sehr spärlich vorhandene Kritik an der Mainstream-Ideologie Marktwirtschaft zu unterbinden?
    Weiters: Das österreichische Schulbuch-Approbationsverfahren ist sicher oft für alle Beteiligten unbefriedigend, aber oft unbefriedigende Kompromisse machen eben Demokratie sustanziell aus und stehen ohnehin oft mit dem Rücken zur Wand angesichts der Diktatur des Marktes.
    Und genau diese Diktatur macht uns nur sehr scheinbar zu einer “Creative Society”. Das “Creative” dabei nichts anders als die sehr geschickte Verschleierung der Tatsache, dass die Ideologie Marktwirtschaft ja ohnehin nur eine totale “Consumption Society” zulässt/zulassen kann.

    • isabell Grundschober says:

      Lieber Ulrich Zwingli – vielen Dank für den spannenden Kommentar – ich bin im Moment thematisch auf einen anderen Fachbereich konzentriert, da ich mich intensiv auf einen Vortrag zum Thema Validierung für den Hochschulzugang für Geflüchtete kommenden Dienstag vorbereite, aber sobald ich damit fertig bin komme ich sehr gerne auf dieses Thema bzw. ihren Kommentar zurück, es lohnt sich jedenfalls darüber etwas genauer nachzudenken.

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